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ESSEN MITTENDRIN

Kling, Glöckchen!

Bergmann Anton gibt in der City den Ton an

Die Kettwiger Straße - Haupteinkaufsstraße in Essen, der Einkaufsstadt. Geschäftiges Treiben, tausende Menschen bummeln oder eilen sie täglich auf und ab. Doch dann erklingt der Westminster-Schlag. Einige bleiben stehen. Ihr Blick geht nach oben. Die meisten kennen es seit Kindertagen. Andere erblicken neugierig, was nun geschieht. Die Stunde ist voll. Bergmann Anton schlägt die Zeit.

Ganz oben im Glockenturm am ehemaligen Deiter-Haus, heute Juwelier Pletzsch, steht er und schlägt mit seinem Hammer gegen die Glocke. Die meisten Essener nehmen im Vorbeigehen seinen Glockenschlag, der eigentlich charakteristisch ist für Londons Big Ben, schon fast nicht mehr wahr. Doch jeder von ihnen weiß, wie das beliebte Glockenspiel weiter geht, spielt es doch bereits seit 1928.

Zu traditionellen Volksweisen wie "Glück auf, der Steiger kommt", "Am Brunnen vor dem Tore" oder "Die Gedanken sind frei" öffnen sich nach und nach die 12 Törchen, welche in vier Etagen unterhalb des Zifferblatts angeordnet sind, und eine Reihe von Figuren der Essener Stadtgeschichte treten hervor. Zur Winterzeit spielt das Glockenspiel statt der traditionellen Weisen Weihnachtslieder.

Ein Glockenspiel für Essen

Der Essener Juwelier Josef Deiter suchte Ende der 1920er Jahre nach etwas Besonderem, etwas, das er der Stadt, in der er so erfolgreich geworden war, zurückgeben konnte. Als er durch die Niederlande reiste, bewunderte er dort die traditionellen Glockenspiele und beschloss, dass das genau das Richtige für sein Geschäftshaus – damals noch an der Limbecker Straße – wäre. Doch sein Haus bekam nicht irgendein Glockenspiel, es wurde das seinerzeit größte Europas.

Mechanik und Elektronik wurden zum Teil von Deiter selbst, zum Teil von Essener Firmen gefertigt. Auch Teile der Figuren und das später gestaltete blaue Mosaik an der Fassade wurden von Essener Händen kreiert. Und die Figuren, die er auswählte, sind nicht irgendwelche, es sind wichtige Persönlichkeiten der Essener Geschichte.

Ein "Who is Who" der Stadtgeschichte

In den beiden obersten Fenstern läuten zwei Bürger in mittelalterlichem Gewand die Glocken. Darunter treten von links nach rechts gleichzeitig Bischof Altfried, Kaiser Heinrich III. und die Äbtissin Teophanu auf.

Altfried, Bischof von Hildesheim, gründete um 850 das Damenstift, das den Grundstein für die Stadt Essen bildete. Zu erkennen ist er an Bischofsmütze und –stab.

Kaiser Heinrich III. hält in seiner Hand eine Urkunde. Unter seiner Regentschaft erhielt Essen 1041 das Marktprivileg.

Die Äbtissin Teophanu lebte von 997 bis 1058. Sie steuerte einige der wichtigsten Kostbarkeiten zum Essener Domschatz bei und ermöglichte dem Essener Münster den Bau des heutigen Westwerks. In ihrer Hand hält sie eine Miniatur dessen.

Im mittleren Erkerfeld darunter kündigen zwei Fanfarenbläser die drei in der Mitte auftretenden Figuren an. Nacheinander erscheinen dort Heinrich von Kempen – ein evangelischer Pfarrer, der die Reformation in Essen durchführte und den ersten lutherischen Gottesdienst in der heutigen Marktkirche hielt – Herzog Wilhelm von Kleve – Schirmvogt über Stift und Stadt, der im Auftrag der Äbtissin die Gerichtsbarkeit und die Militärgewalt ausübte – und schließlich ein nicht näher definierter Bürgermeister mit Kette und Schlüssel zur Stadt.

Bewegende Zeiten

Während der Kriegsjahre, als alles Metall zur Waffenherstellung eingeschmolzen wurde, wurden die Glocken des Glockenspiels auf verschiedenen Bauernhöfen im Sauerland versteckt und kamen erst 1949 wieder nach Essen zurück.

1955 zog Deiter von der Limbecker Straße in das heutige Haus auf der Kettwiger Straße. Und der Glockenspielerker zog mit. 1966 feierte das Unternehmen hundertjähriges Bestehen. Als Geschenk erhielt das Glockenspiel im unteren Erkerfeld die Goldschmiede mit vier Figuren.

Vier Jahre später kam noch Essens heimliches Wahrzeichen, das wachsame Hähnchen, hinzu. Viele Jahre krähte es vom Glockenturm, so wie es in der Legende krähte und damit die Stadt vor der Räuberbande beschützte. Das Hähnchen wurde jedoch bereits im Jahr 2000 abmontiert. Die Gründe sind nicht bekannt.

Ehrensache

Dass die komplette Technik von 1928 heute wieder in Gänze funktioniert und alle Figuren sich wie gewohnt zur Originalmusik bewegen, verdanken die Essener Juwelier Pletzsch – Teil derselben Firmengruppe wie Deiter – die sich zur Neueröffnung unter anderem Namen auch die Restaurierung des Glockenspiels zum Ziel gesetzt hatten.

Für Filialleiter Martin Banken, seines Zeichens selbst Uhrmacher, Ehrensache: "Unser Unternehmen fühlt sich nicht nur der Tradition hochwertigen Schmucks und Uhren verpflichtet, sondern auch der Tradition, dass die Kunden auch mit ihren Enkelkindern weiterhin das Glockenspiel an der Fassade bewundern können, so wie sie es bereits aus ihrer Kindheit gewohnt sind."

Für ihn war es eine ganz besondere Herausforderung, eine neue Filiale mit historischem Glockenturm zu übernehmen, bei dem sogleich die Restaurierung anstand. Eine willkommene Abwechslung zum Geschäftsalltag: "Mein Vater war ebenfalls Uhrmachermeister und für die Turmuhr in unserer Heimatstadt zuständig", berichtet Banken, was ihn schon als Junge in luftige Höhen steigen ließ.

Lange hatte das Unternehmen nach einem Betrieb gesucht, der das Glockenspiel in Gänze reparieren würde, denn nur Teile des Glockenspiels, nicht aber den Figurenumlauf zu restaurieren, kam für die Juweliere nicht in Frage.

Erst die Anfrage bei einer Glockengießerei in Gescher brachte schließlich den entscheidenden Kontakt zu einer Firma aus Süddeutschland, die auf Turmuhren und Glockenspiele spezialisiert ist. Diese machte sich vor Ort in Essen an die Arbeit. Denn es galt, alles im Glockenturm zu erhalten: 26 Bronzeglocken, die Figuren sowie den Spieltisch mit Klaviatur und die Lochbandwalze, auf der sich die Lieder befinden und durch die die Glocken angespielt werden.

Lediglich neue Lautsprecher wurden installiert und die alten Kassetten, auf denen sich die Spieldosenmusik befand, zu der sich zum Beispiel die Goldschmiede bewegt, wurden digitalisiert. Dass sich die Glocken selbst beim Spiel nicht bewegen, liegt also nicht etwa daran, dass heute alles nur Attrappe ist. Viel mehr ist diese Tatsache dem ausgeklügelten System geschuldet, dass die Schlegel der Glocken durch Magnete gegen die Glocken geschlagen werden und nicht die schwingende Glocke den Schlegel bewegt.

So können sich Essener und Besucher weiterhin stündlich über das Spiel der Glocken freuen - zumindest zwischen 9 und 20 Uhr – und das hoffentlich noch viele weitere Jahrzehnte lang.

nis

Impressionen vom Glockenspiel